Corruptionland!
Einladungsschreiben? Check.
Aserbaidschan Ankunft am Hafen? Check.
Wir reisen in der Zeitreisekapsel zurück zum 05. April 2019, 22 Uhr Ortszeit, Baku.
Ich bestieg die Fähre nach Turkmenbasy/Türkmenbashi, was übrigens so viel bedeutet wie “der Führer der Turkmenen. Turkmenbasy war der Spitzname des verstorbenen Präsidenten Nyyazow, den er sich natürlich selbst verliehen hatte und der Stadt, die früher Krasnovodsk hieß, gleich mit. Vielleicht doch eher Absurdistan als Turkmenistan. Für weitere spannende Anekdoten, gerne mal in Teil I vorbeischauen oder die Galerie abchecken!
Ankunft auf der Fähre:
Die Fähre war turkmenischen Ursprungs und die Besatzung war so korrupt wie das gesamte Land werden sollte. Man nutzte von der ersten Sekunde meine “reiche, europäische” Herkunft aus. Ich traf einen ethnischen Russen, LKW-Fahrer namens Zenja, der an Bord war und sichtlich erfreut ein nicht zentralasiatisches Gesicht zu sehen. Wir freundeten uns ein wenig an. Als es um die Zimmerverteilung ging war ich auf mich alleine gestellt. Am Schild in Baku hing der “Festpreis” für die Strecke Baku – Turkmenbasy 100$. An Bord zeigte mir ein kleiner, frecher Turkmene namens Birgench, der sowas wie Hotelier der Fähre spielte auf einem Zettel den Preis für eine Zwei-Mann-Kabine.
( 130 $ p.P.)… Mein Gesicht verzog sich umso mehr, als Birgench mir sagte, dass der zweite Mann in der Kabine ein 2m großer LKW-Fahrer aus der Ukraine sein würde. Ich klopfte dem Klitschko-Verschnitt auf die Schulter, sposibo-meinend, und winkte ab. Denn das Einzelzimmer kostete laut Zettel 150 $. Beides die reinste Abzocke, aber die zwanzig Dollar machten den Braten auch nicht mehr fett. Während einer Woche Aserbaidschan waren mir nur gute Erlebnisse widerfahren, und keine fünf Minuten auf turkmenischen „Boden“ und ich wurde betrogen. Leider hatte ich keine Wahl, da ich nach Aserbaidschan nicht wieder einreisen konnte, auch das wussten die Turkmenen an Bord.
(Der Russische LKW-Fahrer Zenja)

Good Night, Brother Rossija: Slavic Brotherhood
Der russische Zenja traf mich an Deck wieder und nachdem er erfuhr ich sei halb Deutscher und halb Serbe waren wir sowas wie verbrüdert. Er lebte in Deutschland, the good life, aka Hartz IV, weil for free. Er lud mich zum Vodka und Plov (Palau) in seiner Kajüte ein. Wir quatschten so vor uns hin, mein serbisch-russisch Remix, machte mich zunächst beliebt und plötzlich, das Pinchen Vodka an der Lippe klebend, ging die Kajütentür auf: Birgench und ein weiterer Turkmene platzten hinein. Sichtlich erheitert von ihrem eigenen (billigerem) Fusel und direkt mit Zenja und mir anstoßend.
Ich war hin und her gerissen. der Typ hatte mich gerade abgezockt, aber es war “sein” Schiff, was sollte ich also tun? Ich nutzte die Chance und warf in den Raum, dass er mich ausgenutzt, naja übers Ohr gehauen hatte. Zenja gefiel das gar nicht… In seinem noch nicht ganz betrunkenen Zustand versuchte er, dass ich das Geld wiederbekomme. Die Turkmenen wanden sich wie eine Schlange. Am Ende bekam ich natürlich nichts wieder mit der Begründung, es sei schon eingebongt und die Rechnung liegt bereits mit Durchdruck im “System”. Mein Stolz war eh gepackt und es war mir mittlerweile egal. In seiner Rage versprach mir Zenja: “Ajls Eintschuldigung, Magnus, Ikh njehme dikh mjit nakh Ashgabat, ohne Gjeld!!!” (Als Entschulding, Magnus, nehme ich dich kostenlos mit nach Ashgabat)
Immerhin ein free-ride nach Ashgabat dachte ich mir.
Good Night, Brother Rossija: Slavic Brotherhood not anymore…
Doch es kam anders. Der gute Vodka war wohl zu gut für den guten Zenja. Während der nächsten Flasche vergaß er all seine Manieren und fing plötzlich an in einem passiv-aggressiven Ton in der Kabine rumzuschreien. Er bezichtigte mich (ernsthaft) eine Art Spion zu sein, weil ich (Lob an mich) angeblich 100% Russisch verstünde. Ich bin im Besitz zweier Pässe und verhärtete seinen willkürlichen Verdacht. Da die Turkmenen und er schlagartig nur noch Russisch redeten, wartete ich auf eine günstige Gelegenheit, um mich zu verdrücken. Das Ganze hätte ohne Weiteres in einer Eskalation enden können. Ich war darauf vorbereitet. Trotz Vodka intus oder gerade weil Vodka intus, hatte ich mir diverse Möglichkeiten überlegt, um mich zu wehren. Gott sei Dank, kam es nicht dazu und man ließ mir freies Geleit in meine 150$-Kajüte.
Dort schloss ich mich ein, duschte mich und ging mit einem Gefühl der Bedrängnis schlafen. So etwas hatte ich vorher nicht gefühlt. Beim Einschlafen flogen meine Gedanken zu den Erzählungen meines Vaters, der in der DDR aufwuchs. Sogleich fielen mir viele Geschichten aus der Nazizeit ein, über die wir alle hier und da gelesen hatten.
Der nächste Tag:
Am kommenden Tag schlief ich zwar unruhig aber immerhin bis 13 Uhr, die Fähre selbst hatte erst gegen 3 Uhr Nachts abgelegt.
Um ca. 16 Uhr liefen wir in den Hafen ein, ich war gerade auf dem Oberdeck, als ein einzelner, leicht korpulenter Turkmene mit Schnauzbart sich von seiner Gruppe abkapselnd zu mir rüber bewegte. Woher ich sei, fragte er auf Russisch. Ich sagte, Deutschland (Fehler!). Er wollte daraufhin “Dollar” von mir, als könnte ich die Scheine auskacken (Sorry für die Wortwahl, Mama).
Irgendwie lief alles komisch…
Die Fähre fuhr dann in den Hafen ein, was nicht bedeutete, dass wir bald aussteigen konnten. Ich packte jedoch euphorisch und neugierig meine sieben Sachen ein und setze mich auf meinen Backpack an Deck. Ich kam mit einem Pärchen aus Ashgabat in Kontakt. Sie sah aus wie eine Sängerin vom Balkan, also schrecklich überschminkt, und er wie ein typischer Bezirksliga-Fußballer. Sie waren nett, jedoch sehr distanziert und entfernten sich bei der erstbesten Gelegenheit wieder von mir. Irgendwie wollte niemand was mit mir zu tun haben.
Am Ende waren es die Ukrainer samt meinem potenziellen 2m-Mitbewohner, die sich mit mir unterhielten. Good old Europe! Ich bereute, dass ich nicht bei Ihnen in der Kabine geblieben bin. Es war nicht das erste Mal, dass meine sonst so gute Menschenkenntnis mir einen Strich durch die Rechnung machte, aber definitiv eines der Male, die in Erinnerung bleiben würden.
(Einlaufen in den Hafen von Turkmenbasy, 06. April 2019 ca. 17 Uhr Ortszeit – instagram @sijakox )

Einreise in Corruptionland
Endlich ging das Entladen los und die ersten Menschen machten sich auf den Weg zum Hafenterminal. Dieser ist ein ziemlich modernes, neues Gebäude aus hellem Stein, teils Sandstein und teils Marmor. Es war ca. 19:30 Uhr, als ich das Gebäude betrat. Nun kam die wundervolle Bürokratie, die ich bereits in Teil I erwähnte. Ich durfte mein Visum nochmals bezahlen, diverse Gebühren von 5$ hier und 10$ da. Immer einzeln zwischen Immigration-Schalter und der Schlange am Bankschalter switchend. Nachdem ich den gefühlt 100sten Zettel ausgefüllt hatte, sah ich den grünen Visa-Sticker in meinem Pass glänzen. War es eine Fata Morgana? Nein, er war wirklich da, dieser saftig-grüne Aufkleber, auf den ich nun seit 2,5 Stunden wartete.
Ja… Was sich hier in 2,5 Textzeilen liest, hat fast drei Stunden gedauert. Und so kam es, dass ich gegen 22 Uhr durch die Passkontrolle endlich draußen, eh ich meine am Zoll, angelangt war. Ich konnte bereits den Nachthimmel hinter der Hafentür sehen. Die Luft und den Wind konnte ich förmlich spüren. Die (pseudo-)Freiheit war zum Greifen nahe… Aber nicht mit Turkmenistan!
STOP! CUSTOMS!
Ich legte mein Gepäck aufs Scanner-Band, um es kurz danach auf einem großen Metalltisch wiederzufinden. Mit dem Zeigefinger auf mich zeigend, deutete der Grenzbeamte an, dass ich alles und zwar wirklich alles aus meinem Backpack auszupacken habe. Aus eins macht vier, so standen auf einmal vier Uniformierte vor mir.
Einer baute mein Kamerastativ auf, sichtlich begeistert von diesem Wunderwerk der Deutschen Handwerkskunst.
Einer wühlte weniger begeistert (was ich wirklich nicht nachvollziehen kann) in meinen Unterhosen und Socken herum.
Einer hielt meine Canon-Kamera fest in den Händen und scrollte durch jedes einzelne Bild, welches ich in Aserbaidschan schoss. Immerhin ließ er sich ein “Odlicne Fotos” (Tolle Fotos) rauskitzeln.
Der letzte hatte mit meiner deutschen Reiseapotheke zu kämpfen – er verlor den Legasthenie-Kampf und gab mir alles kommentarlos wieder.
Und wer durfte alles wieder zusammenpacken? Genau. Ich.
Freiheit á la 1984
Endlich war ich raus aus dem Terminal. An Bord des Schiffes hatte ich 50€ getauscht um hier nicht zu stranden. Später erfuhr ich, dass ein neues Hotel im Hafengebäude entstanden war. Das hätte mir sehr geholfen. Ich jedoch ließ mir am Eingang ein Taxi ordern, welches mich zu einem Hotel in die Stadt Turkmenbasy bringen sollte. Die Fahrt dauerte ca. 10 Min. Meine ersten zehn Minuten in diesem verrückten Land fühlten sich an wie alle Nachtfahrten durch den Orient, sei es Libanon oder Dubai oder Teheran. Diese sandige, von der Sonne erhitzte Luft, die durch alle Schlitze in die Autos reinkommt. Das Leder hat diesen Geruch schon angenommen und so fühlte ich mich überhaupt nicht fremd.
Am “Hotel” dann die Ernüchterung, denn es gab dort kein Hotel namens Hazar und Google hatte mir einen Streich gespielt. Es gab laut Google direkt zwischen mir (ich stand in der Nähe des Bahnhofs) und dem Meer noch genau ein Hotel in einem hohen Gebäude. Eine Frau zeigte mit dem Finger drauf: “Gostinica.” (Russisch für Guesthouse) Gemeint war das Hotel Carlak.
Ich lief dort hin, mein Backpack hatte einige Kilogramm. Nachher sollte ich erfahren, dass ab 22 Uhr im gesamten Land Sperrstunde ist und ich sofort ins Gefängnis gekommen wäre, hätte die Patrouille mich entdeckt. Ich kam jedoch unbeirrt in diesem wuchtigen sowjetischen Hotelkomplex an. Das Zimmer im Hotel Carlak kostete 50$. Ich konnte mit der Kreditkarte bezahlen, was mir sehr lieb war, da mein Vorrat an turkmenischen Manat sich dem Ende zuneigte bevor er jemals aufgefüllt war. Ich checkte ein und versank in der Wanne…
5:0 im Puff
Mein Körper vergaß, dass er kein Schiff war, welches auf dem Wasser bleibt und so versank ich schrittweise im Badenwannenmeer bis…
mein Handy mich wach klingelte. José rief mich an. Gerade noch gecampt und jetzt so weit entfernt, fragte er mich nach meinem Wohlbefinden. Warum das so erwähnenswert ist? Ich sollte später in der Hotelbar erfahren, dass Youtube, Facebook, Whatsapp und weitere einschlägige Seiten blockiert sind. Ich hatte Glück, dass ich so einen starken vorinstallierten VPN-Tunnel auf dem Handy hatte. Alles lief problemlos und würde mir in Zukunft in Turkmenistan noch einiges erleichtern.
Nach einer halben Stunde des Plauderns, raffte ich mich auf, zog mir was an und ging runter in die Hotelbar. Dort schaute ich beim Betreten auf den Bar-Fernseher. Es stand 5:0 für Bayern München gegen den BVB. Ein einzelner Mann saß grinsend vorm TV-Gerät. Auf meine in englischer Sprache gestellte Frage hin, ob er denn Fan sei, sagte er stolz “Ja, Bayern München”. Da war er, der Mann, der für mich die Heimat repräsentierte. Sein Name war Roland und er war bereits öfter in Turkmenistan, beruflich als Ingenieur im Bereich Hafenbau. Wir stoßen genüßlich mit unserem Bier an und ich hörte ihm gespannt zu, was er zu dem Land der Diktatoren zu erzählen hatte. Nicht nur einer der besten Spieler seines Lieblingsteam, Franck Ribery hatte Skandale im Bordell, auch die Turkmenen wissen diesen Geschäftszweig zu schätzen. Roland erläuterte mir, dass jedes Hotel ein Bordell sei. Natürlich gibt es in diesem schwer zugänglichem Land nicht viele Touristen und die Einheimischen leben oft so am Existenzminimum, dass sie sich bestimmt keine Nacht in diesem heruntergekommenen Komplex leisten konnten. So entstand der Trend, dass alle großen Hotelkomplexe quasi undercover in Bordelle umgebaut wurden. Es wurde teilweise höllisch laut auf den Gängen nachts. Man höre Männer- und Frauenstimmen herumjodeln, sagte mir Roland. Ich blieb davon glücklicherweise verschont. Erstmal…
Nach dem Bier, ging ich aufs Zimmer zurück. Wir hatten uns für den nächsten Tag gegen 11 Uhr verabredet, um noch gemeinsam Essen zu gehen bevor mein Zug nach Ashgabat ging. Ich schlief tief und fest in Corruptionland, nichts konnte mich davon abhalten.
(Turkmenbashi aus meinem Hotelzimmer)
