Azerbaijan IV – China, China Everywhere, yeah!
Wie in Teil III bereits angeteasert, wurden wir mit der Sonne von einer Überraschung geweckt. Ein Hirte stand samt Schafherde um unser Lager herum und begutachtete unsere Existenz. Er glaubte seinen Augen kaum, als wir zwei Europäer unsere Köpfe aus dem Zelt steckten. Wir gingen auf ihn zu, fest entschlossen neue Freunde zu gewinnen. So baten wir ihm Würstchen und Brot und natürlich unseren guten 0,4l Vodka an, den wir am Tag zuvor als einzige alkoholische Option zum Aufwärmen im kalten Zelt in einem kleinen Kiosk in Kiş gekauft hatten.
Zu unserer Verwunderung war alles samt Vodka binnen eines Wimpernschlags vertilgt. Unsere Annahme durch sein Äußeres bedingt, dass er wohl sein ganzes Leben wie ein Nomade in den grünen Hügeln des Kaukasus verbracht hatte, konnte nicht belegt werden. Anders als unsere anderen Bekanntschaften, sprach er kein Wort Russisch. So gestaltete sich die Kommunikation schwierig, zumal auch das Azeri irgendwie holprig war, sodass wir kaum Parallelen zum Türkischen ausmachen konnten. Nichtsdestotrotz ließ ich mir die Chance nicht nehmen, unsere neue Bekanntschaft, wie ich es häufig gerne tu, wenn ich interessante Menschen treffe, zu porträtieren.

Selbst das gestaltete sich aufgrund der Sprachbarriere nicht so einfach wie gewohnt. Noch schwieriger wurde es, als er – über das Portrait sichtlich erfreut – begann uns um eine “analoge Kopie” des Bildes zu bitten. Wir hatten es mit Russisch (und Englisch ohnehin) schon längst aufgegeben und redeten direkt auf Deutsch mit ihm, um ihm zu erklären, dass meine Digitalkamera keine analogen Bilder macht. So mussten wir ihn leider enttäuschen. Wer weiß, was für eine seltene Gestalt wir da am Morgen getroffen hatten?… Und während sich in unseren Köpfen eben genau diese Fragen auftürmten, verschwand er klanglos und von Vodka aufgewärmt hinter der nächsten Kuppe.
So fuhren wir dann also, nachdem wir unser Lager abgebaut hatten, weiter und ließen dabei die zerklüfteten Landschaften des Kaukasushochgebirges hinter uns. Vor uns lag eine Route durch die weite Hochebene Azerbaijans. Eine Landschaft die irgendwie steppenartig an die Landschaften in Zentralasien und der Mongolei erinnerte. Unser Tagesziel heute: Quba (es sollte dann die Nachbarstadt Xacmaz werden): ca. 500km und sechs Stunden Fahrzeit.

Die Realität holt uns ein:
Quba liegt am Nordostrand des Kaukasus-Massivs nahe der Russischen Grenze. Der Weg durch das Grün war idyllisch und führte uns nahe zu der Route vom ersten Tag zurück. Und so kam es, dass wir nach einigen Fotostopps zur Mittagspause in das kleine Kreisstädtchen Samaxi einfuhren. Laut Google fanden wir ein “Top”-bewertetes Restaurant: Dostlug Restaurant im Zentrum des verschlafenen Nästchens.
Dort waren wir, abgesehen von einer fünfköpfigen Gruppe Aserbaidschanischer Männer die einzigen Gäste beim Betreten des Restaurants. Da wir unentschlossen waren, zeigte uns der ausgesprochen zuvorkommene Inhaber sogar die Küche. Ebenso stellte man uns den “Chefkoch” und seine Gerichte vor. Reichlich hungrig und überzeugt, saßen wir so gemütlich da und scherzten vor uns hin.
Es sollte sich als die Ruhe vor dem Sturm herausstellen.
Die Geräusche mehrten sich vor dem Lokal, die Tür ging auf und eine Meute platzte hinein. Vom Tourguide wurden nicht mehr und nicht weniger als 30 chinesische Touristen (natürlich inklusive Fahne und Megafon) in das Lokal geleitet.
Unsere Ruhe war gebrochen. Während ich es auf der Skala von nervig bis amüsant noch auf der “Amüsant”-Seite stehend kommentierte, war José natürlich im Tief “Nervigen”-Bereich angekommen. Ein paar Worte zum Hintergrund der Geschichte:
José ist neben seinem Rennfahrer-Dasein auch noch ein China-Experte. Er hat es geschafft knapp fünf Jahre seines Lebens in Shanghai zu leben, neben Chinesischem Essen hat er sich auch James Bond-like verliebt und die Sprache angenommen. Nach seiner Rückkehr aus dem Reich der Mitte im Sommer 2018, fielen natürlich diverse Gefühle von ihm ab, die sich über die Jahre in China angesammelt hatten. Und so kam es, dass wir kurz nach dem Betreten der Chinesen ins Auto flüchteten und unsere idyllische Reise fortsetzten. Wir hatten unsere Mahlzeit zum Glück vorher genüsslich zu Ende verspeist. Im Auto angelangt fragte ich José: “Das war kein Traum, oder? Da war jetzt wirklich eine chinesische Reisegruppe mitten im Nirgendwo in Aserbaidschan?” Da nicht nur José, sondern auch ich mit “Chinesischen Reisegrippen *husthust -gruppen” recht erfahren sind, konnten wir das Störgefühl schnell wieder abschütteln und uns den positiven Aspekten der Reise widmen. Es ging weiter!

Fahrt durch die Rainbow Mountains:
Als kleines Trostpflaster für die vergleichsweise lange Sitzerei im Auto, hatten wir uns einen Stop überlegt, an den Rainbow Mountains. Diese liegen auf der Haupstraße gen Norden, unweit des Abzweigs in Richtung der Stadt Xizi, auf halber Strecke der Landstraße. Unter normalen Umständen wären wir vielleicht nie hier reingefahren, aber da wir unbedingt ein wenig Natur brauchten, fuhren wir also in besagtes Tal, welches äußerst charmant werden sollte. Die Berge färbten sich durch die Mineralien wirklich von Meter zu Meter bunter und so hatten wir schon ein schönes Naturschauspiel zu beobachten. Beim Drehen an einem kleinen Bauernhof, begleiteten uns drei Schäferhunde bellend und jagend von ihrem Terrain. Was gerade so witzig klingt, ist in Echt nicht ganz so cool, da die Biester wirklich kläffen und keinen Schimmer von Sicherheitsabstand zum Auto haben – und das bei 30-40 km/h.
Ca. zwei Kilometer entfernt und endlich ohne bissige Hunde hielten wir also an. José machte sich auf zum nächstgelegenen Hügel, ich konnte endlich bei Tag langzeitbelichtete Fotos schießen. Resultat hier und in der Galerie.

… Durchgangsstädte:
In der Folge wurde es langsam Abend und wir hielten Kurs auf Quba – eine Stadt im Norden. Sie gilt als ein bekanntes Touristenzentrum des Landes, auch unter Einheimischen. Wir fuhren gegen 19 Uhr in die Stadt ein. Uns gefiel die Atmosphäre überhaupt nicht. Die Stadt hat einen neuen und einen alten Kern. Wir beide schauten uns an und waren uns einig: Durchgangsstadt!
Was bedeutet das nun? Naja, wer ein wenig unterwegs war, der kennt sie. Städte, die keine großen kulturellen, geschichtlichen und / oder intellektuellen Mehrwert haben, die nur durch das zufällige durchlaufen vieler Menschen entstanden sind und sich lediglich vom zufällig dort entstandenen Transit und Handel finanzieren. Hier und dort gespickt mit zwilichtigen Gestalten, die oftmals versuchen Profit aus Neuankömmlingen zu schlagen.
Eine kleine Rangliste eben dieser Städte, um die man, wenn möglich gerne einen Bogen machen kann:
Jinghong (China), Dulikhel (Nepal), Kulob (Tajikistan), Labrador-Stadt (Kanada), Ninh Binh (Vietnam), Ajmer (Indien) und und und…
Diese Städte eint eine Art Wild-West Charakter. Eine Hauptstraße, die den Kern durchdringt, wenig Kulturelles, tendenziell wenig Bildung und viele starrende Blicke auf die einfahrenden Fremden. Und so kam es, dass wir in Quba gefühlt zehn Mal im Kreis gefahren sind. Wir klopften bei diversen “Schein”-Hotels an, dabei entschieden wir letztlich gemeinsam trotz extra Kilometer die Stadt Richtung Xacmaz zu verlassen. Quba:

Good Night!
In Xacmaz kamen wir gegen 20 Uhr an. Es war gerade dunkel, das Hotel hieß Elit Hotel und war eine Art Ressort. Auf eine komische Art schien das Personal mit uns überfordert. Das Zimmer war in Ordnung, eine große Wahl hatten wir heute sowieso nicht mehr. Wir blieben und besuchten das Grillhaus gegenüber des Kreisverkehrs. Dort wurden wir von einem netten aufgeschlossen Burschen bedient, das Essen wie immer köstlich und preiswert. Bier intus schliefen wir ein und bereiteten uns mental auf den kommende Anstieg zum “entlegensten Ort” Aserbaidschans vor – Xinaliq (Teil V).
[…] allzu weit sein. Von Xacmaz mussten wir erneut durch das Durchgangsstädtchen Quba (siehe auch Teil IV) fahren. Bis nach Xinaliq sind es lediglich 80 km, für die ca. zwei Stunden veranschlagt werden. […]