Turkmenistan III – Ins Herz des Diktators – Zugreise nach Aşgabat
Abreise vom Führer der Turkmenen
Ich hatte die Info erhalten, dass an jedem Tag genau ein Zug von Türkmenbaşy gen Aşgabat fährt, dieser ging um 16 Uhr oder zumindest war dann Einstiegszeit. Ich hatte mich gestern mit Roland angefreundet, ein deutscher aus Rostock, der hier im Hafen in der Stadt des Führers der Turkmenen, arbeitete. Wir hatten uns auf ein Mittagessen und einen Spaziergang verabredet.
Er riet mir von jeglicher Nahrung im Hotel ab, da man hier sofort Durchfall bekommen sollte. Ich ging das Risiko ein und frühstückte in dem Palast. Eine junge Dame bediente mich und eine alte Babushka kochte. Das Essen sah wirklich nicht sehr appetitlich aus. Aber mein Magen vertrug es zunächst.
Ich klopfte pünktlich um 12 Uhr mittags mit gepacktem Rucksack bei Roland an der Hotelzimmertür an. Ich stellte meinen Backpack ab und lauschte ihm, mir erläuternd, wie denn der Schwarzmarkt für Fremdwährungen hier in Turkmenistan funktioniert. Man würde das drei- bis vierfache erhalten, wenn man bereit war das Risiko einzugehen nicht über den konventionellen Weg Geld zu wechseln. Er hatte dafür jemanden an der Hand, da er nicht das erste Mal da war. Ich nahm sein Angebot dankend an, dass er mir ein wenig Euro in turkmenische Manat tauschen würde, als auch, dass er mir meine übrigen Euros in US-Dollar tausche, da diese hier wesentlich leichter in die einheimische Währung zu wechseln seien. Das kam mir sehr gelegen!
Mit prall gefülltem Portemonnaie gingen wir am Hafen spazieren. Die Wohnhäuser rund um das Hotel waren zerfallen, der Putz blätterte ab, was die Kinder nicht am spielen in den Gassen hinderte.
(Bild aus dem Hotelzimmer auf die Seitenstraßen der Stadt Türkmenbaşy)

Durchfall? Ja [ ] Nein [ ] Vlt. [ ]
Wir betraten ein türkisches Restaurant namens Tolut – auf Rolands Empfehlung, denn hier kriege man nur manchmal Durchfall. Das Land sei strukturell so arm, dass hier nonstop Kühlketten unterbrochen und Hygiene nicht ganz ernst genommen würde.
Ich aß das Selbe wie Roland, Köfte, also Frikadellen türkischer Machart. Das Essen war absolut in Ordnung. Wir gingen im Anschluss zu Fuß zum Bahnhof, mit der Intention, wie gute Deutsche, das Zugticket im Voraus zu kaufen. Der Schalter war zu. Wen wunderte es. Wir gingen also ein wenig weiter spazieren und er zeigte mir eine Art Supermarkt, in dem ich mich mit Bananen, Keksen und Wasser eindeckte, denn die Fahrt sollte ja schließlich durch die Nacht gehen. Doch dann kam er… der Durchfall. Schnell ins Hotelzimmer rennend, rette es mir wohl eine Hose. Nach einer kurzen Rast setzte ich meinen Rucksack auf, Proviantpaket in der Hand brachte mich Roland zum Bahnhof und ich stieg in den Zug nach Aşgabat. Mein Abteil blieb zunächst leer. Es war ein wirklich gepflegter und sauberer Zug. Das Ticket kostete umgerechnet nur ein paar Euro, was wirklich preiswert war. Generell wurde der Nachtzug mein liebstes Verkehrsmittel, da preiswert und zeitsparend.
Weggefährten
Ein weiterer Vorteil war, dass jede Kabine nur vier Betten besaß, anstelle der üblichen sechs, wie in Russland oder China. Zunächst stieg ein großer, wuchtiger und grimmig aussehender Turkmene dazu. Sein Name war Odawan. Wir freundeten uns an oder zumindest glaubte ich das ein wenig. Er war wirklich witzig, erzählte von Frauen und seiner Jugend. Wie wir uns verständigten? Keine Ahnung, am ehesten müsste man das als Remix bezeichnen. Wir sprachen irgendwas zwischen turkmenisch, türkisch, russisch, serbisch, englisch und deutsch. Aber es zeigte sich mal wieder auf Reisen, dass wenn jemand dich aktiv verstehen möchte, er dich verstehen wird. Ein größerer Kontrast hätte das nächste Mitglied unserer Boygroup nicht werden können. Der Zug stand noch als ein hagerer und ängstlich wirkender Mann einstieg. Seinen Namen konnte ich mir und wollte ich mir vielleicht auch nicht merken. Er stellte sich nicht wirklich vor, erst nachdem ich ihn quasi zwang. Er scheute meine Blicke, lächelte mich nicht an, und flüsterte seine Fragen teils heimlich an Odawan gerichtet, der mich dann mit lauter Stimme ansprach. Es war wie Tag und Nacht. Ich fühlte mich aber nicht unwohl, es war eine bunte Fahrt. Zwischenzeitlich schaute ich ein wenig aus dem Fenster und sah die tristen grauen Ansiedlungen vorbeiziehen. Für die Kinder, die zwischen toten Bäumen und Kamelen spielten, war der einmal am Tag vorbeikommende Zug eine willkommene Abwechslung. Später stieg ein weiterer Mann ein, eher ein junger Herr, Muhammad war 23 Jahre alt und fuhr nach Balkanabat, einer Stadt auf dem Weg in die Hauptstadt. Gerade wir drei verstanden uns blendend. Die vielleicht witzigste Anekdote sollte die „Kamelgeschichte“ werden.
(Mein sympathischer Bettennachbar, gerne mal in der Gallerie vorbeischauen)

Lost in Translation:
Odawan wollte wissen welche Tiere denn in Deutschland so beheimatet sind. Es müssten ja die gleichen wie in den USA sein, denn die grenzten seines Wissens nach ja an Deutschland. Als ich Ihnen auf der Karte zeigte, dass sich zum einen Turkmenistan näher an Deutschland befand als die USA und zum anderen man in die USA fliegen müsse, während man Turkmenistan theoretisch aus Deutschland zu Fuß oder mit dem Zug erreichen könne, waren alle Beteiligten samt dem Fremdling verdutzt.
Zurück zur Flora und Fauna. Odawan bestand darauf, dass es in Turkmenistan einzigartige Tiere gab, nämlich Kamele! Er wusste nicht, dass Camel auf Englisch und auf Deutsch eben Kamel heißt und so zeigte er im Minutentakt auf das Logo seiner Zigarettenpackung “Camel”, auf dem logischerweise ein Kamel abgebildet war. Er sagte das Russische Wort “Verbljut”, das ich während meiner Ausbildung in Russland natürlich nie gehört hatte. Ich sagte immer wieder “Camel, Kamel, Camel” und er sagte “No, No, No, Verbljut!” Ich verstand die Welt nicht mehr, was wollte mir der grimmige Mann damit sagen?
KAMEL!
Er: “Verbljut!”
Ich: “Yes, ja, da Camel!”
Er: “No, No, no, Cigarette… Verbljut! No Cigarette, Verbljut!!!”
Ich: “Ja, ich weiß man, Kamel, Camel!”
Er (Kopf schüttelnd): “Noooooooo, eto Verbljut!”
… Einige Augenblicke später machte es Klick. Ich verstand, dass er nichts verstand. Er dachte ich sei total bescheuert und würde den Namen der Zigarettenmarke vorlesen ohne die Gehirnzellen, die zwischen meinen Ohren aktiv waren, zu benutzen. In seiner Welt laß ich stumpf vor, was auf seiner Packung stand, denn er hatte nicht den blassesten Schimmer, dass “Camel” nicht nur ein Eigenname ist sondern auch auf Englisch und in gewisserweise auch auf Deutsch Kamel heißt.
Irgendwann verstanden wir uns und ich konnte ihm erklären:
“Pa nemecki (auf Deutsch) Verbljut = Kamel,
pa engleski (auf englisch) Verbljut = Camel”
Wir lachten aus tiefster Überzeugung und waren Freunde.
Jetzt wusste ich ja was Kamel auf Russisch hieß, so war die Verwunderung nicht ganz so groß, als ich zum Einschlafen von meiner Boygroup eine Plastikflasche mit Milch ähnlichem Inhalt bekommen hatte mit den Worten: “Moloko Verbljut!” Kamelmilch, sollte gut zum Schlafen sein. Unbearbeitet und nicht pasteurisiert schmeckte sie wirklich merkwürdig, aber einzigartig.
(So hausen Kinder am Wegesrand, der Zug das Highlight des Tages, für mich eher die Wegesrand-Kamele – gerne hier in die Gallerie)

FBI, Secret Service, CIA?
Auf der 60cm Pritsche liegend, während ich den Tag Revue passieren ließ, dachte ich an die kritischen Worte Rolands, der mich warnte, ich solle hier niemandem vertrauen. “Man wisse immer wo die Ausländer im Land seien und es gäbe immer einen Secret Service Mitarbeiter, der mich beobachte.” Es sei sogar ein so stark ausgeprägter Überwachungsstaat, dass wenn ein Ausländer ein Taxi riefe, ein Zivilpolizist in einem Taxi vorbei käme, um zu kontrollieren, wo der Ausländer denn eigentlich hin möchte. Konnte es also sein, dass einer meiner Bandmitglieder ein Spion war? Der Komische vielleicht, der mich seltsam anstarrte und dessen Blicke sofort den Meinen wichen, wenn sie sich kreuzten?
Das wäre doch zu auffällig gewesen oder was denkt ihr?
Vielleicht Odawan? Seine umgängliche und offene, teils neugierige Art wären doch perfekt geeignet um Informationen von mir zu erhalten. Das konnte nicht sein. Oder doch der dazu gestiegene junge Muhammad? Er wirkte auf mich wie ein normaler junger Erwachsener, vielleicht wäre er der perfekte Spion gewesen, eben weil er so normal war.
Meine Gedanken spielten mir Streiche. Die Einsamkeit in einem so fremden Land breitete sich aus. Unsicherheit mischte sich langsam dazu.
Muhammad stieg schweigend nachts aus. Morgens gegen 5:30 Uhr erreichten wir den Hauptbahnhof in Aşgabat, die beiden übrigen Mitbewohner der Kabine stiegen relativ schnell schweigend aus. Ein kurzes “Auf Wiedersehen” und das war’s. Ich hatte das Gefühl, sie waren beide (Nicht nur der Angsthase sondern auch Odawan) eingeschüchtert von der Präsenz der Hauptstadt. Eventuell war was dran am omnipräsenten Überwachungsstaat und es wäre für beide nicht gut gewesen mit einem Ausländer gesehen zu werden. So kam es, dass ich alleine ausstieg und in der noch anhaltenden Dunkelheit zu Fuß mein Hotel suchte…