Turkmenistan IV – Flucht aus Aşgabat

 

Nachts durch die Hauptstadt des Diktators

Wie in Teil III beschrieben, stieg ich trotz neuer Bekanntschaften, während der noch anhaltenden Nacht, alleine am Bahnhof der turkmenischen Hauptstadt Aşgabat aus. By the way, Fotos befinden sich in der Galerie.

Hotels in allen turkmenischen Städten sind vergleichsweise teuer, da sie über eine Art Ausländerlizenz verfügen müssen. Eine Nacht für ein altes Zimmer kostet im Schnitt zwischen 50 und 100 US-$. Das war mir viel zu teuer, also suchte ich in diversen Foren und fand das hier: Kuwwat Hotel, eine Art privates Hostel, welches gerne von Fahrradreisenden auf der Durchfahrt genutzt wird.

Hotelsuche Teil 1

Das war mein Ziel, und laut Karte war es leicht zu finden – nur die große Parallelstraße vom Bahnhof entlang. Problem: Bei Google Maps ist der falsche Standort markiert (evtl. bewusst, um es den Behörden schwer zu machen, da es bestimmt nicht 100%ig legal betrieben wurde). Und so lief ich mit meinem schweren Gepäck bei 25-30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit alleine um 5:30 Uhr morgens die Straße entlang und zwar viel zu weit! 

Ich wurde ein wenig nervös. Wir erinneren uns an die “Du stehst unter Beobachtung”- Geschichten aus Teil II. Das im Hinterkopf, merkte ich, dass immer wieder das selbe weiße Auto an mir vorbeifuhr… Ich hatte ein Auge auf alles was sich bewegte. Es war aber nur Zufall, obgleich es wirklich die selbe Machart hatte, hatte es doch jedes mal ein anderes Kennzeichen. War ich paranoid oder nur vorsichtig? Die Mühe, á la James Bond hinter jeder Ecke das Kennzeichen zu wechseln, war ich ganz bestimmt nicht wert, also lockerte sich mein Gemüt. 

Was die Einsamkeit in so einem Land mit einem freiheitlich erzogenen Menschen macht… Interessante Eindrücke in seine eigene Seelenwelt.

Hotelsuche? Ende!

Ich lief also zu weit. Es begann zu regnen und ist stand klatschnass geschwitzt und verregnet an irgendeiner Kreuzung. Meine letzten Prozente Handyakku halfen mir andere Foren zu durchforsten – ohne den Spezial-VPN hätte ich schon lange aufgeben müssen. Dort fand ich exakt diese Info: “Google Maps Location falsch, in der Nähe Hausnr. 101.“ (siehe Photo, am besten nach der Telefonzelle/ATM Ausschau halten) Ich lief zurück zu besagter Hausnummer, die ich auf Anhieb fand und ums Eck war ein kleines Schild. Dann, klingelte ich, die Stimme erklärte, dass die Tür offen sei. Überglücklich tritt ich ein. Jeder auf Reisen kennt das Gefühl endlich anzukommen. Dieses Hotel wurde von einigen alten turkmenischen Damen betrieben, die recht höflich waren. Das Zimmer kostete 10$, was angesicht dessen, dass alle Räume quasi aneinander geschusterte Kartons waren, eigentlich nicht allzu günstig war. Erwartungsvoll, mit Gedanken an mein Bett, waren mir die Fazilitäten egal. Genauso stelle ich mir das Interieur der Zimmer von diesen nicht verputzten Backsteinskelett-Häusern in Südamerika vor. Sämtliche Einrichtung war aus Holzresten selbst zusammengebaut. Es gab keinerlei Dichtungen, es tropfte von den Decken und es standen überall im Haus Eimer um die Tropfen aufzufangen. Das Bad war am ehesten mit einer Rastplatztoilette vergleichbar. Nein… nicht Sanifair, wo man 50c-Rabattgutscheine bekommt. Diese Toiletten an den einsamen Rastplätzen, in denen überall Spinnweben sind und die an eine Jugendherberge in dreckig erinnern. Ich war glücklich, breitete mich aus, trocknete meine Sachen und ging für ein paar Stunden schlafen.

No Permission

Nach ein paar Stunden wachte ich auf und zog mich an, bereit die Stadt zu erobern. Leider musste ich feststellen, dass mein Handy kaum geladen hatte, da die Steckdosen so wackelig verschraubt waren und da es mir bereits einige Male das Leben rettete, lud ich es auf und ließ es zuhause. Das sollte mich noch ärgern. Ich ging nämlich mit der Fotokamera aus dem Haus, fest davon überzeugt ein wenig the dictator’s capital zu erkunden. Und dan wurde ich überall, wirklich überall mit dem Satz “no permission” weggeschickt. Ich habe am Ende zehn Fotos gemacht auf einem Markt, dem Russki Market, undercover und von den Händlern darauf aufmerksam gemacht, dass es hier auch verboten sei. Ich weiß gar nicht, was die zu verbergen haben, hier ist doch nichts?! Am Ende sah ich um die 20 kitschige Marmor-Prachtbauten. So stelle ich mir Nordkorea vor. Wer mal am Platz des Himmlischen Friedens in Peking war, hat ein Gefühl von dieser durch Hybris hervorgerufenen Bauweise. Gegen 14 Uhr fing es so stark zu regnen an, dass ich auch nicht mehr fotografieren wollte. Ich ging durch den Regen spazieren. Es prasselte senkrecht auf mich ein, als wollte der Führer persönlich sagen: “Weg Ausländer, ab ins Hotel!” Ich folgte seinem Ruf und tauschte die nassen gegen die über der Air Condition hängenden Kleider. Der Regen war ein Symptom. Ein Symptom, welches mir die Oberflächlichkeit Turkmenistans mit einem Schlag vor Augen führte.

source: google.com

Fazit: „Wo bin ich?“

Bei Sonnenschein sieht alles prächtig aus und man denkt “Wow!”, jedoch bei Regen, der ca. einmal alle paar Monate vorkommt, zeigt die Stadt ihr wahres Gesicht. Tief im Inneren ist alles so schlecht geplant, gebaut und durchdacht, dass die Straßen förmlich zu Flüssen werden, weil das Wasser nicht abfließt. Es ist eine Plastikstadt, die nur in der Vitrine gut aussieht, das wurde mir klar. Irgendwie reichte es mir, ich hatte keinen Foto-Drive, keinen inneren Schweinehund, der mir sagte “bleib hier”. Ich dachte ein wenig vor mich hin und tauschte die trockenen Sachen wieder gegen die Nassen und begab mich zum Bahnhof. Wie vorher bereits erwähnt, sollte man sich um die Weiterreise kümmern. 

Am Bahnhof erfuhr ich, dass heute Abend ein Nachtzug nach Daşoguz geht, ca. 20 Uhr. Auf der halben Strecke nach Daşoguz liegt ein Krater, aus dem immerzu Gas strömt und der deswegen das Tor zu Hölle genannt wird. Ich hatte Hoffnung dort zu nächtigen. Ich kaufte also ein Ticket, ca. 5€, und begab mich zurück zum Hotel. Ich verspeiste noch schnell einen Döner, packte meine Sachen und begab mich dann pünktlich zu Bahnhof. 

Weggefährten 2

Im Nachtzug sollte ich wieder neue Bekanntschaften machen. Im Abteil saßen zwei Damen, eine alt und grau, wie eine der netten Hexen aus Anime-Filmen, die andere jung und bunt. Die junge Frau war Ihre Enkelin und sie kamen aus Daşoguz, was zu Sowjetzeiten, als die Grenzen noch nicht so dicht waren wie jetzt, zum Großteil von Usbeken besiedelt war. Auch die beiden Frauen waren usbekischer Herkunft. Es sei dazu gesagt, dass sich die Sprachen schon in gewisser Weise ähneln. Wir verstanden uns sehr gut, wir boten uns Brot und Früchte an und waren damit zu Freunden geworden. Es war bezeichnend, dass in einer von Männern dominierten Welt, wie der Turkmenistans, die Frauen es waren, die den sozialen Kontakt mit mir suchten. Wir hatten viel Spaß mit unserem Lost-in-Translation-Kauderwelsch. Die Frauen sind nicht so frei wie in Europa, jedoch stark. Man merkt, sie halten ihre Worte nicht zurück, waren ehrlich und offenen Herzens, ohne Hintergedanken. Dann stieg ein vierter Gast ein, ein Herr Ende 40. Er zeigte dem Schaffner irgendeinen Ausweis anstelle des Tickets, vllt. war es auch so etwas wie Bestechung. Ich hatte gelesen, dass viele Turkmenen einfach einsteigen und dem Schaffner direkt Geld in die Hand drücken, um Geld zu sparen.

old woman

Spion or not Spion ist hier die Frage.

Er aber war komisch. Er redete einige Stunden auf mich ein, fragte viel und war irgendwie bohrend neugierig. Mir wurde mit einem Schlag klar, dass meine Boygroup vom Vortag keine Spione waren. Wenn, dann war unser neuer Fahrgast einer der Spione. Ich war ein wenig genervt, obgleich er auch versuchte höflich und witzig zu sein. Er lud mich in sein Dorf unweit Daşoguz ein. Ich sagte, ich müsse mir Gedanken machen, wo ich morgen hin will. Als guter Reisender wusste ich genau wo ich hin will, wo ich nächtigte und was ich sehen will. Ich wollte mir die Option offen halten. Verunsichert und irgendwie bewegt vom Tag ging ich erneut auf einer 60cm Pritsche schlafen…

Was denkt ihr? Spion or not Spion?

man in train portrait

Exkurs: Das Tor zur Hölle

… liegt in der Nähe von Derweze und ist wie bereits erwähnt ein immer zu brennender Krater. Dort kann man nächtigen und den heimischen Spinnen beim Selbstmord Begehen zuschauen. Man weiß nicht wieso, aber diese rennen schnurstracks Richtung Hölle und springen in den Krater. Ich hoffte dorthin zu gelangen. Während des verregneten Tages hatte ich mit zwei Travel Agencies Kontakt aufgenommen, bei beiden meldete ich mich zu spät. Die Touren waren bereits unterwegs und für mich blieb die Option eine private Tour für 250 US-$ zu machen. Das wäre einer der teuersten Campingausflüge meines Lebens gewesen. Das war es mir nicht wert. Ich hatte die stille Hoffnung auf der Zugfahrt aussteigen zu können, der Zug hielt jedoch nicht in Derweze an. Einem Teil von meiner Seele war es egal geworden, fühlte ich mich doch in der Nähe der scheinbar unantastbar wirkenden Frauen irgendwie geborgen.

source: google.com

1 thought on “Turkmenistan IV – Mitten ins Herz (des Diktators)”

  1. Thanks for your blog, nice to read. Do not stop.

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